Volksmärchen

Die Novelle

Die Novelle ist eine in der Regel mittellange Prosaerzählung. Als Gattung ist sie allerdings schwer zu fassen. Insbesondere die Abgrenzung zwischen Novelle und Erzählung ist oft schwierig. Man könnte es sich einfach machen und sagen, dass sich die epischen Texte mittlerer Länge in zwei Gruppen unterteilen lassen: Novellen und Erzählungen, wobei unter Erzählungen all die Texte fallen, die nicht Novellen sind. Aber ganz so leicht ist es nicht, da es auch Kurzromane und längere Kurzgeschichten gibt. Die mittlere Länge ist also schwer einzugrenzen, zumal eine Längenfestlegung immer nur in Relation zu anderen Texten möglich ist. Ein Gattungsbegriff sollte sich aber nicht nur von anderen abgrenzen, sondern auch aus sich selbst heraus definierbar sein.

Neben dem formalen Kriterium des Umfangs, das eigentlich keines ist, gibt es vor allem inhaltliche Besonderheiten, an denen sich die Novelle erkennen lässt. Goethe hat das Novellentypische wie folgt beschrieben: Sie erzähle "eine sich ereignete unerhörte Begebenheit". Das bedeutet, dass sich die Novelle auf ein Ereignis ("Begebenheit") konzentriert. Die Geschichte handelt von diesem Ereignis oder läuft darauf hinaus. Dieses Ereignis ist Kern der Handlung. Darüber hinaus muss diese Begebenheit real vorstellbar sein ("sich ereignete").

Die Novelle zählt also nach Goethe zur realistischen Literatur. Doch dieses realistischee Korsett hat sie schnell verlassen. Viele Novellen haben auch einen Hang zum Fantastischen, z.B. „Das Marmorbild“ von Eichendorff. Das Ereignis muss zudem unerhört sein, d.h. es muss von besonderer Natur sein, indem es z. B. gegen gesellschaftliche Konventionen verstößt. Es kann auch ein Ereignis sein, dass den gewöhnlichen Gang der Dinge verändert.

Beispiel: Patrick Süskinds "Die Taube". Ein Mann ekelt sich so vor einer im Flur sitzenden Taube, dass er nicht an ihr vorbei gehen mag und das Gebäude auf einem anderen Weg verlässt. Dadurch gerät sein Leben ins Wanken.

Lamping sieht in der Novelle vor allem drei typische Merkmale: Die Erzählung ist einsträngig. Sie konzentriert sich auf eine einfach aufgebaute Geschichte, oft mit Symbolcharakter. Und: Novellen sind oft zyklisch angelegt und in eine Rahmengeschichte eingefasst. – Den symbolhaften Charakter sieht auch Heyse, der Begründer der Falkentheorie. Laut Heyse ist ein Dingsymbol novellentypisches Merkmal. In Hartmut Langes Novelle "Bildungsreise" zum Beispiel taucht tatsächlich ein Falke auf. Aber auch ohne konkretes Symbol sind die meisten Novellen in ihrer Handlung sehr symbolträchtig.

Novelle und novel

Die literaturwissenschaftlichen Gattungen sind nicht immer ganz eindeutig festgelegt, zumindest aber hier und da diskussionswürdig. Dieser Effekt steigert sich, wenn man internationale Vergleiche einbezieht.

Nicht nur in Deutschland ist es üblich, Prosatexte in lange (z.B. "Romane"), mittlere (z.B. "Novellen" und "Erzählungen") und in kurze (z.B. "Kurzgeschichte" und "Märchen") Formen einzuteilen.

Das klingt theoretisch nachvollziehbar, in der Praxis aber, wenn es um konkrete Werke geht, wird da schon diskutiert. Ernest Hemmingways Der alte Mann und das Meer zum Beispiel wird auf Wikipedia als Novelle und im Klappentext des Buches als Erzählung eingeordnet. Allerdings sehen manche die Novelle als Form der Erzählung, andere als eigene Form. Es ist kompliziert, zumal die grundsätzliche Einteilung nach Längen auch ein wenig subjektiv ist; ...

Der Begriff Novelle ist schwer zu klären, schaut man allerdings ins Englische, wird es noch komplizierter. Der englische Begriff novel bedeutet "Roman". (Daran scheitern in aller Regelmäßigkeit Dialogautoren, die englischsprachige Filme übersetzen und aus "novel" in der englischen Fassung dann im Deutschen "Novelle" machen.) Der Begriff "Novelle" findet sich im Englischen allerdings auch wieder: als Novella. Da als weitere Bezeichnung "short novel" angegeben ist, also "Kurzroman", steht zu vermuten, dass unsere Erzählung-/Novelle-Differenzierung im englischsprachigen Raum möglicherweise nicht von Bedeutung ist. "Novella" scheint pauschal für die mittlere Länge zu stehen.

Wenn man dem englischsprachigen Wikipedia glauben darf, wird allerdings noch weiter differenziert. So steht die "Novella" für normale Novellen (oder eben Texte mittlerer Länge). Kurze Novellen hingegen werden als Novelette bezeichnet. Das sehr diskussionswürdige Wort "kurz" steht dabei außerhalb jeder Diskussion, zumindest im Bereich Science Fiction/Fantasy, denn die Länge eine Novelette ist durch die Science Fiction and Fantasy Writers of America klar festgelegt: Sie darf zwischen 7.500 und 17.499 Wörtern lang sein. Es ist schon bemerkenswert, einer Gattung durch das Zählen von Wörtern auf die Spur kommen zu wollen. - Auf einer anderen Wikiseite (List of novellas) wird es dann auf die Spitze getrieben, und man sieht nicht nur, dass es eine leichte Abweichung von der Einteilung der amerikanischen Fantasy-und-SF-Autorene gibt, sondern dass konkrete Zahlen anscheinend Sicherheit (bei der Einteilung) bedeuten:
  • "Short storys" (Kurzgeschichten) haben demnach 1.000 bis 7.500 Wörter.
  • "Novelettes" (Kurznovellen) haben 7.500 bis 20.000 Wörter.
  • "Novellas" (Novellen) haben 20.000 bis 40.000 Wörter.
  • "Novels" (Romane) haben mindestens 40.000 Wörter.

Die Novelle - Beispiele

Folgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie ist viel mehr ein Versuch, die Entwicklung der Novellenliteratur auch historisch nachzuzeichnen. Nicht alle aufgeführten Novellen sind literaturwissenschaftlich von großer Bedeutung. Berücksichtigt sind im Schwerpunkt bislang europäische Novellen.

14. Jahrhundert
  • Das Dekameron (Giovanni Boccaccio, Italien, 1348-1353)

  • 17. Jahrhundert
  • Novellensammlung (Miguel de Cervantes, Spanien, 1613)

  • 19. Jahrhundert
  • Das Erdbeben in Chili (Heinrich von Kleist, Deutschland, 1807)

  • Die Marquise von O ... (Heinrich von Kleist, Deutschland, 1810)

  • Michael Kohlhaas (Heinrich von Kleist, Deutschland, 1810)

  • Das Bettelweib von Locarno (Heinrich von Kleist, Deutschland, 1811)

  • Das Fräulein von Scuderi (E.T.A. Hoffmann, Deutschland, 1821)

  • Novelle (Johann Wolfgang von Goethe, Deutschland, 1828)

  • Das Kloster bei Sendomir (Franz Grillparzer, Deutschland, 1828)

  • Mateo Falcone (Prosper Mérimée, Frankreich, 1829)

  • Die Nase (Nikolai Wassiljewitsch Gogol, Russland, 1836)

  • Die Judenbuche (Annette von Droste-Hülshoff, Deutschland, 1842)

  • Der Mantel (Nikolai Wassiljewitsch Gogol, Russland, 1842)

  • Mozart auf der Reise nach Prag (Eduard Mörike, Deutschland, 1856)

  • Romeo und Julia auf dem Dorfe (Gottfried Keller, Deutschland, 1856)

  • Für eine Liebesnacht (Émile Zola, Frankreich, 1876)

  • Nais Micoulin (Émile Zola, Frankreich, Frankreich, 1877)

  • Ein schlichtes Herz (Gustave Flaubert, Frankreich, 1877)

  • Der Schuss von der Kanzel (Conrad Ferdinand Meyer, Deutschland, 1878)

  • Fettklösschen (Guy de Maupassant, Frankreich, 1880)

  • Pariser Abenteuer (Guy de Maupassant, Frankreich, 1881)

  • Hans und Heinz Kirch (Theodor Storm, Deutschland, 1882)

  • Der Leichenräuber (Robert Louis Stevenson, Schottland, 1884)

  • Unterm Birnbaum (Theodor Fontane, Deutschland, 1885)

  • Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde (Robert Louis Stevenson, Schottland, 1886)

  • Bahnwärter Thiel (Gerhart Hauptmann, Deutschland, 1887)

  • Der Schimmelreiter (Theodor Storm, Deutschland, 1888)

  • Die Steppe (Anton Tschechow, Russland, 1888)

  • Die Braut (Arthur Schnitzler, Deutschland, 1891)

  • Der kleine Herr Friedemann (Thomas Mann, Deutschland, 1897)

  • 20. Jahrhundert
  • Lieutenant Gustl (Arthur Schnitzler, Deutschland, 1900)

  • Schloß Kostenitz (Ferdinand von Saar, Deutschland, 1902)

  • Schwüle Tage (Eduard von Keyserling, Deutschland, 1906)

  • Angst (Stefan Zweig, Deutschland, 1910)

  • Die Ermordung einer Butterblume (Alfred Döblin, Deutschland, 1910)

  • Die Verwandlung (Franz Kafka, Deutschland, 1915)

  • Drei Frauen (Robert Musil, Deutschland, 1924)

  • Traumnovelle (Arthur Schnitzler, Deutschland, 1925)

  • Der Tod des Kleinbürgers (Franz Wefel, Deutschland, 1927)

  • Mario und der Zauberer (Thomas Mann, Deutschland, 1930)

  • Der Baron Bagge (Alexander Lernet-Holenia, Deutschland, 1936)

  • Schachnovelle (Stefan Zweig, Deutschland, 1942)

  • Der alte Mann und das Meer (Ernest Hemingway, USA, 1952)

  • Katz und Maus (Günter Grass, Deutschland, 1961)

  • Ein fliehendes Pferd (Martin Walser, Deutschland, 1978)

  • Die Taube (Patrick Süskind, Deutschland, 1987)

  • Die Geschichte von Herrn Sommer (Patrick Süskind, Deutschland, 1991)

  • Die Entdeckung der Currywurst (Uwe Timm, Deutschland, 1993)

  • Die Stechpalme (Hartmut Lange, Deutschland, 1993)

  • Zikadengeschrei (Dieter Wellershoff, Deutschland, 1995)

  • Die Steinflut (Franz Hohler, Schweiz, 1998)

  • 21. Jahrhundert
  • Die Bildungsreise (Hartmut Lange, Deutschland, 2000)

  • Schmerznovelle (Helmut Krausser, Deutschland, 2001)

  • Zweier ohne (Dirk Kurbjuweit, Deutschland, 2001)

  • Leptis Magna (Hartmut Lange, Deutschland, 2003)

  • Schweigeminute (Siegfried Lenz, Deutschland, 2008)

  • Mein Jenseits (Martin Walser, Deutschland, 2010)

  • Zwischenprüfung (Christian Peitz, Deutschland, 2012)

  • Die Entführung (Christian Peitz, Deutschland, 2013)

  • Die Spieluhr (Ulrich Tukur, Deutschland 2013)



  • Märchennovelle und Novellenmärchen

    Zwischen dem Märchen und der Novelle besteht durchaus eine Verwandtschaft. Das Novellenmerkmal der „unerhörten Begebenheit“ (Goethe im „Gespräch mit Eckermann“) trifft in gewisser Weise auch auf das Märchen zu.

    Formal bestehen gewiss auch deutliche Unterschiede, so ist das Märchen eine kurze Form, was allein durch den Diminutiv in der Gattungsbezeichnung deutlich wird, während die Novelle zu den Erzählungen mittlerer Länge zählt.

    „Das Kunstmärchen gibt es nicht“, schreibt Wührl in seiner Abhandlung Das deutsche Kunstmärchen. Er weist damit indirekt auf das Problem hin, dass jede Gattungsangabe eine Setzung ist und niemals eine allgemeingültige Wahrheit darstellen kann. Er wertet das Kunstmärchen als Oberbegriff für verschiedene märchenhafte Arten von Prosatexten. Hierzu zählen auch Märchennovellen und Novellenmärchen.

    In der folgenden Liste sind nun märchenhafte Texte aufgeführt, die novellenartige Züge haben, und auch Novellen mit märchenhaften Anklängen. Die Sammlung soll es Vorschlag verstanden werden, die Begriffe Märchennovelle und Novellenmärchen zu deuten.

    Märchennovellen - Beispiele

  • Das Pentamerone (Giambattista Basile, Italien, 1634-1636)

  • Märchen (Johann Wolfgang von Goethe, Deutschland, 1795)

  • Der blonde Eckbert (Ludwig Tieck, Deutschland, 1797)

  • Der Runenberg (Ludwig Tieck, Deutschland, 1802)

  • Undine (Friedrich de la Motte Fouqué, Deutschland,1811)

  • Peter Schlemihls wundersame Geschichte (Adelbert von Chamisso, Deutschland, 1814)

  • Der goldene Topf (E.T.A. Hoffmann, Deutschland, 1814/1819)

  • Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl (Clemens Brentano, 1817)

  • Das Marmorbild (Joseph von Eichendorff, Deutschland, 1818)

  • Das Wirtshaus im Spessart (Wilhelm Hauff, Deutschland, 1826)

  • Die kleine Seejungfrau (Hans Christian Andersen, Dänemark, 1837)

  • Die schwarze Spinne (Jeremias Gotthelf, Deutschland, 1842)

  • Die Schneekönigin (Hans Christian Andersen, Dänemark, 1842)

  • Alice im Wunderland (Lewis Carroll, England, 1865)

  • Pinocchio (Carlo Collodi, Italien, 1883)

  • Der Flaschenkobold (Robert Louis Stevenson, Schottland, 1892)

  • Peter Pan (James Matthew Barrie, Schottland, 1902)

  • Roverandom (John Ronald Reuel Tolkien, England, 1925, veröffentlicht: 1998)

  • Blatt von Tüftler (John Ronald Reuel Tolkien, England, 1945)

  • Der Schmied von Großholzingen (John Ronald Reuel Tolkien, England, 1967)

  • Teelöffelmärchen (Christian Peitz, Deutschland, 2010)

  • Eisenbahnmärchen (Christian Peitz, Deutschland, 2014)